Betroffene berichten von ihren Erlebnissen

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Der Fluch der digitalen Verführung
Nach WOCHENBLATT Artikel "Die stille Katastrophe.." - Betroffene berichten von ihren Erlebnissen

Kaum ein Kind kann dem verführerischen Bonbonregen des Internets widerstehen | Foto: KI
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  • Kaum ein Kind kann dem verführerischen Bonbonregen des Internets widerstehen
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"Willkommen auf dem Handy Ihres Kindes" - unter dieser Überschrift berichtet das WOCHENBLATT in seiner Wochenendausgabe vom 6. Juni über verstörenden Inhalte und Trends, denen Kinder und Jugendliche im Netz begegnen. Zahlreiche Leserinnen und Leser meldeten sich daraufhin in der Redaktion. Sie schilderten eigene Erfahrungen und berichteten von Situationen, die nachhallten.
Viele dieser Nachrichten waren persönlich, manche erschütternd. Einige Eltern, Jugendliche und junge Erwachsene gewährten Einblick in private Chats und digitale Lebenswelten, die sonst meist verborgen bleiben.
Wir haben diese Hinweise zum Anlass genommen, genauer hinzuhören.

Was folgt, sind keine Einzelfälle.

Es sind Stimmen aus dem Alltag, vor allem von Kindern und Jugendlichen. Die Namen haben wir zu ihrem Schutz geändert.

Michaela (20, Tostedt):
"Ich war ungefähr elf Jahre alt, als ich mein erstes Dickpic (Penis-Bild) auf mein Handy geschickt bekommen habe. Da kamen immer mehr, war irgendwie normal. Das kam meist über Instagram. Freunde von Freunden, die ich vom Sehen kannte, haben mir auch Geld für Sex angeboten. Das hab ich nicht gemacht. Ein älterer Mann bot mir Geld, um mir auf Instagram folgen zu dürfen. Er hat mir postlagernd dreimal 50 Euro geschickt. Er wollte sich auch mit mir treffen, damit ich ihn schlage - auch das habe ich nicht gemacht. Das alles hörte schlagartig auf, als ich 18 Jahre alt wurde. Dann war ich für Pädos wohl nicht mehr interessant."

Der Fall Elias (11, Tostedt):
Im Beisein der Eltern, zeigt uns Elias auf seinem Handy einige Bilder von nackten Frauen. Und von einem nackten Mann, der Sex mit einem Pferd hat. Ein kurzes Video zeigt, wie ein Mädchen brutal von einem Jungen niedergeschlagen wird. Dieses Video bekam er von einem Jungen aus Österreich, der angab, 13 Jahre alt zu sein und über eine WhatsApp-Gruppe Kontakt mit Elias aufnahm. Elias blockierte selbständig den Kontakt. Die Bilder und Videos sind bis heute in seinem Kopf.

Mutter eines 14-Jährigen (45, Seevetal)
Sie zeigt uns einen Auszug aus dem Fussball-Vereins-Chat ihres Sohnes, in dem ein erwachsener Trainer einer Jugendmannschaft im Landkreis Harburg seiner Mannschaft eine längere Nachricht schrieb. Jungs, die 14 und 15 Jahre, für ihren Einsatz lobte. Sein Abschlusssatz: "Nun feiert den Sieg ... und habt viel Sex, ab Montag wird wieder gearbeitet", mit der Ansage, daß die Nachrichten den Chat nicht verlassen dürften.

Finn (15, Seevetal)
"Wenn ein Erwachsener ein Kind finden will, schafft er das mit wenigen Fragen", erklärt Finn (15) dem WOCHENBLATT am Beispiel Kontaktaufnahmen über Discord, einer bekannten Gaming-Plattform. Das Kind weiß nicht, wie alt sein Gesprächspartner ist, der findet beim Chatten jedoch schnell heraus, daß es zum Beispiel Fußball spielt. Dann nächste Frage:" Wie alt ist Du? und dann: "In welchem Verein kickst Du?". Dann  muss er nur noch auf der Homepage des Fußballvereins schauen, wann die Altersklasse Training hat, schon steht er am Spielfeldrand und beobachtet dann sein Opfer live."

Was Eltern wissen müssen: Kinder und Jugendlichen sind häufig über die Apps wie zum Beispiel Snapchat miteinander verbunden. Die App macht sichtbar, wer gerade wo ist - in Echtzeit, weltweit. Lange Zeit war dafür nicht einmal eine ausdrückliche Freigabe des eigenen Standortes nötig. Das hat Snapchat inzwischen geändert. Wer die Standortfunktion aktiviert hat, sendet seinen Aufenthaltsort jedoch weiterhin an sein Netzwerk - jederzeit und auf wenige Meter genau. 

Lehrkraft aus Seevetal (unterrichtet Kinder ab der 5. Klasse)
Ein Problem sei, daß Kinder Im Internet Echtes von Unechtem nicht mehr unterscheiden können, sagt die Lehrkraft über ihre Sechtklässler. 
Einige Kinder glauben, dass die Darstellungen in Pornoclips "dem echten Liebemachen" entsprechen, dass Erniedrigungen, Schlagen und Dominanz einfach dazu gehören. Daraus folgt die berechtigte Angst, vor allem bei einigen Mädchen, dass Sex immer etwas mit Gewalt zu tun hat. Bei den Jungs würde ein enormer "Leistungsdruck" entstehen, sie "müssen abliefern". Um es milde auszudrücken. 
Nur wenige Kinder trauen sich, mit ihren Eltern über sowas zu sprechen. Auch das Thema "Sexting" sprach sie an. Dabei geht es um "erste romantische Anbahnungen, bei denen auch mal intime, zum Beispiel "oben-ohne-Fotos" zwischen zwei Kindern oder Jugendlichen per WhatsApp ausgetauscht werden. So ein Foto kann zum Verhängnis werden. Indem es in Form eines "Racheaktes" dann "an alle" weiterverschickt wird, manchmal sogar noch als "deep-Fake" sexistisch manipuliert, sowas geht mit ein paar Klicks.  
Nicht nur peinlich und tief verletzend für das Opfer, sondern unumkehrbar. Das Foto ist im Internet, für immer. Und das Internet vergisst nicht.

Solche Berichte lassen sich nicht einfach weglesen. Sie werfen Fragen auf, die weit über einzelne Vorfälle hinausgehen. Da wünscht man sich doch Hilfe von ganz weit oben. Von etwas Allmächtigen, das mal mit dem Hammer draufhaut und Stopp sagt. Zum Beispiel von der Politik. Ist diese Institution, unsere Staatsführung denn noch das mächtigste Organ, oder hilft und steuert uns vielleicht sehr bald eine noch viel, viel größere Macht? Vorhang auf: Die künstliche Intelligenz.

Hey Chatty, ich habe ein Problem, kannst du mir helfen?

Steigen wir damit noch eine letzte Stufe tiefer: Während die Elterngeneration noch beim Luftholen ist, um mit den Kindern nun endlich in den Dialog zu treten, haben viele Kinder bereits routiniert ihre Schulaufgaben, Beautytipps, aber auch - und jetzt kommts - ihre Probleme, Nöte und Ängste mit sogenannten Charakter-Bots besprochen. Das sind frei gestaltbare KI-"Gesprächspartner", die irgendwie "echt" wirken. Und sie beraten und gaukeln eine Beziehung vor, sind total nett und verstehen einen, werden der "beste Buddy". 
Diese Charakter-Bots werden von Anbietern trainiert, menschliches Verhalten in den sozialen Medien zu imitieren. Mit Erfolg. Eine aktuelle Studie (AOK und UKE, März 2026) zeigt, dass "fast acht Prozent der zehn- bis 17-Jährigen, KI-Chatbots gegen ihre Einsamkeit nutzen. Über 30 Prozent der Jugendlichen mit depressiver Symptomatik nutzen Chatbots als Ratgeber und für ein Drittel von ihnen, ist der Chatbot "wie ein vertrauter Freund".

Artikel WOCHENBLATT KW 24-2026, S. 6 | Foto: MSR
  • Artikel WOCHENBLATT KW 24-2026, S. 6
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Kommentar: Hört endlich auf mit dem Gelaber

Die KI ersetzt also im Umkehrschluss die Eltern, Ärzte, Lehrkräfte und Freunde als Berater. Sie steuert, manipuliert, ist das Schlaraffenland für Kriminelle. Das soll hier kein Weltuntergangsszenario sein. Fest steht aber: Der stetig prasselnde und verführerische Bonbonregen im Netz ist der wahre Kinderklauer von heute. Und wie schon im vorangegangenen Artikel (Ausgabe 6. Juni) erwähnt, ist das Schlechte einfach stärker, schneller, mächtiger und lukrativer.
Damit stimmen wir, das WOCHENBLATT, in den Chor der aktuell brodelnden Debatte ein: 
Hallo ihr Lokalpolitiker, hallo Minister, hallo Staatsoberhäupter. Lasst die Säbel der Gesetze rasseln gegen die Macht der Tech-Konzerne, gebt auch Schulen mehr Befugnisse in dieser Sache, denn da sitzen die Pädagogen und gebt uns damit unsere Kinder zurück.
Werdet noch tätiger, nur Mut, nehmt euch ein Beispiel an anderen Ländern, die schon große Schritte voraus sind. Labert nicht, zögert nicht, gebt einfach mal Vollgas. (Julia v. Paepcke)

Gewalt, Pornos, Hass, Selbstverletzung: Willkommen auf dem Handy Ihres Kindes
Kaum ein Kind kann dem verführerischen Bonbonregen des Internets widerstehen | Foto: KI
Artikel WOCHENBLATT KW 24-2026, S. 6 | Foto: MSR
Redakteur:

Julia Paepcke aus Buchholz

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